Violas F35 Debakel

Hauchdünn mit 50,1 Prozent Ja-Stimmen hat die Bevölkerung 2020 der Beschaffung eines neuen Kampfjets für maximal 6 Milliarden zugestimmt. Im Sommer 2021 entschied sich der Bundesrat für den Kauf von 36 amerikanischen Kampfflugzeugen des Typs F35 und das Parlament segnete diesen Entscheid mit der Armeebotschaft 2022 ein Jahr später ab. Der von Ex-Bundesrätin Viola Amherd im Parlament versprochene Fixpreis für die Beschaffung gilt nun aber offenbar doch nicht und es drohen Mehrkosten von mehreren Milliarden Franken. Grund genug, den Beschaffungs- und Entscheidungsprozess, der zu diesem Debakel geführt hat, zu beleuchten.

Eine kurze Rückblende: 2014 lehnte die Stimmbevölkerung die Beschaffung von 22 neuen Kampfjets des Typs Gripen für gut 3 Milliarden an der Urne mit rund 53% Nein-Stimmen ab. Im Jahr 2020 stimmte der Souverän jedoch einem doppelt so hohen Kredit für neue Jets zu. Wie kam es zu diesem Meinungsumschwung? Nebst der höheren zeitlichen Dringlichkeit für die Ersatzbeschaffung dürfte die Integration sogenannter «Offset-Geschäfte» in die Gesetzesvorlag eine entscheidende Rolle gespielt haben. Konkret muss nun Lockheed Martin, der Hersteller der F35-Jets, 60 Prozent des Wertes des Beschaffungsvertrags durch die Vergabe von Aufträgen an die Schweiz kompensieren. Wie wirkt sich das wohl auf die Preisgestaltung des Anbieters aus, wenn er verpflichtet wird, für über 3 Milliarden in der Schweiz einzukaufen, damit er liefern darf? Armasuisse bestätigt folgendes gegenüber CH Media. «Die Offsetkosten dürften sich auf etwa 700 bis 800 Millionen US-Dollar belaufen», dies entspreche «rund 25 Prozent der Offset-Verpflichtungen von ca. 3 Milliarden US-Dollar». Doch weshalb war die Gesetzesvorlage für den F35 so ausgestaltet, dass sich die Beschaffung wegen Offset-Geschäften verteuert? Eine plausible Antwort liefert der Historiker Peter Haug. Er ist der Ansicht, dass mit Offset-Geschäften die Zustimmung industrieller Kreise auf Kosten des Steuerzahlers erkauft wird und bezeichnet solche als «reines politisches Schmiermittel». Obwohl er als SP-Politiker kritisch gegenüber Kampfjets ist, dürfte er hier recht haben. Der «Offset-Trick» mit welchem das Stimmvolk zu einem Ja-Entscheid zum Kredit für die Kampfjets geführt wurde, ist wahrscheinlich der Auftakt des F35-Debakels.

Wie hat Viola Amherd die F35-Beschaffung beim Parlament verteidigt? Erfolgreich, aber vermutlich mit faustdicken Lügen. In der Nationalratsdebatte zur Armeebotschaft 2022 bestätigte Viola Amherd mehrmals, dass bei der F35 Beschaffung ein Fixpreis vereinbart und vertraglich festgehalten wurde. War Sie nach der Lektüre der Verträge tatsächlich dieser Überzeugung oder wollte Sie mit allen Mitteln erreichen, dass möglichst schnell ein neuer Kampfjet beschafft wird? Vermutlich eher Letzteres. Im Juli 2022 warnte die Eidgenössische Finanzkontrolle (EFK) vor Mehrkosten beim Kampfjetkauf. Deren Experten kamen in einem Gutachten zum Schluss, dass es «keine rechtliche Sicherheit für einen Festpreis im Sinne einer Pauschale nach schweizerischer Rechtsprechung» gebe. Zudem bestünden Unsicherheiten bei den Betriebs- und Wartungskosten über die gesamte Lebensdauer. Die begründeten Warnungen der EFK wurden schlicht ignoriert. Gemäss dem Blick gibt es interessanterweise auch ein Gutachten, dass den Fixpreis bestätigen soll, jedoch von den Behörden unter Verschluss gehalten wird.

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Ob sich die damalige VBS-Chefin ihre eigene Wunschrealität kreiert hat und wo Fehler im Beschaffungsprozess gemacht wurden, wird nun die Geschäftsprüfungskommission des Nationalrats untersuchen. Viola Amherd wird wohl auch vorgeladen werden. Auch dass Sie wegen dieser Beschaffung vor Gericht erscheinen muss, ist denkbar. Der Solothurner Anwalt und SVP-Nationalrat Remy Wyssmann will die alt Bundesrätin und hohe VBS-Beamte verklagen, weil Sie sich schwere Verfahrensfehler bei der Beschaffung der Jets mit Kostenfolgen in Milliardenhöhe hätten zuschulden kommen lassen. Gegenüber der Weltwoche sagte er: «Jeder Gewerbetreibende und jeder Bürger dieses Landes werde beim geringsten Fehler vom Staat gnadenlos verfolgt und haftbar gemacht. Der gleiche Haftungsmassstab müsse auch bei Bundesräten und Bundespersonal gelten.» Stimmt.

Im Herbst 2022, als Amherd bereits ahnen konnte, dass die Kampfjetbeschaffung deutlich teurer wird, hätte es einen einfachen Ausweg für Sie gegeben. Anstatt diese mit mutmasslichen Falschaussagen durchs Parlament zu drücken, hätte Sie vor dem Unterzeichnen des F35-Kaufvertrags über die im Herbst 2022 eingereichte «Stopp F-35 Initiative» abstimmen lassen können. Soweit kam es aber nie. Nur vier Tage nachdem der Nationalrat grünes Licht für die Kampfjetbeschaffung gab, unterzeichnete Viola Amherd den Kaufvertrag, ohne die hängige Volksinitiative zu berücksichtigen. Dieses Vorgehen war juristisch zulässig, jedoch ignorant gegenüber unserer direktdemokratischen Kultur. Die Initianten zogen die «Stopp F-35 Initiative» zurück, nachdem Sie magistral ausgebootet worden waren.

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Wie wollen die Bundesratsparteien das Problem lösen? Bürgerliche Politiker möchten zwar untersuchen, wer verantwortlich für die Mehrkosten ist, jedoch unbedingt an der Beschaffung festhalten. Der bisher am prominentesten vorgetragene «Lösungsvorschlag» ist etwas gar einfach. Um den Kreditrahmen von 6 Milliarden nicht zu überschreiten, sollen einige Flugzeuge weniger beschafft werden. Die EFK warnte aber auch vor höheren Betriebs- und Wartungskosten. In Dänemark fallen diese bereits 50% höher aus, als erwartet und die Norweger rechnen unterdessen mit den 2.5-Fachen Kosten des Anschaffungswerts der Jets über die Lebensdauer. In der Schweiz wird hier nur mit dem Faktor 2 kalkuliert.

Zahlreiche Politiker aus dem linken Spektrum fordern den F35 Kauf zu stoppen und die bereits an die Amerikaner bezahlten 700 Millionen abzuschreiben, weil die Mehrkosten ein Vielfaches davon betrügen. Das hat was. Gute Ökonomen beurteilen laufende Projekte anhand der Kosten und des Nutzens, der in Zukunft noch anfallen und nicht daran, welche Beträge man schon ausgegeben hat. Weitere Argumente, die F35 Kampfjet-Beschaffung zu stoppen, gibt es zahlreiche. Die technischen Abhängigkeiten von den Amerikanern sind zu hoch. Der F35 eignet sich primär, um weit im feindlichen Gebiet unerkannt Bombardements durchzuführen – sowas braucht die Schweiz schlicht nicht. Für den Luftpolizeidienst gibt es deutlich günstigere Flugzeuge. Hinzu kommt: Eine konsequent gelebte Neutralität wäre der weitaus bessere und kostengünstigere Schutz für die Bevölkerung als neue F35-Kampfjets.

Das Fazit: Ein sofortiger Ausstieg aus dem F35-Kaufvertrag wäre aus finanziellen Überlegungen und vor dem Hintergrund des Versprechens von Viola Amherd an die Bevölkerung sicher angezeigt. Ein solcher Schritt bräuchte aber viel Rückgrat unserer Regierung. Er käme einem Eingeständnis der gemachten Fehler gleich und ist daher wenig wahrscheinlich. Ein relevantes Risiko bestünde aber dennoch: Welche wirtschaftlichen Konsequenzen die mit einem Vertragsrücktritt verbundene «Verärgerung» der Amerikaner hätte, lässt sich kaum abschätzen. Klar ist jedoch folgendes: Die F35 Kampfjetbeschaffung, die bis vor kurzem als grösster politischer Erfolg von Viola Amherd galt, hat sich bereits wenige Monate nach ihrem Rücktritt zu einem Milliardenfiasko entwickelt.

 

Quellen :

https://www.vbs.admin.ch/de/parlament-beauftragt-den-bundesrat-mit-kauf-der-f-35a-kampfflugzeuge

https://www.news.admin.ch/de/nsb?id=84275

https://www.parlament.ch/press-releases/Pages/mm-sik-n-2025-07-02.aspx?lang=1031

https://www.srf.ch/news/schweiz/kampfjet-aus-den-usa-bundesrat-pfister-beruft-wegen-f-35-mehrkosten-krisengespraech-ein

https://www.srf.ch/news/schweiz/kampfjet-beschaffung-amherd-muss-antraben-parlaments-aufsicht-untersucht-f-35-kauf

https://www.tagesanzeiger.ch/kostet-der-f-35-letztlich-mehr-als-10-milliarden-135657630439

https://gsoa.ch/lieber-ein-ende-mit-schrecken-als-ein-schrecken-ohne-ende-der-f-35-gehoert-ein-fuer-alle-mal-versenktft/

https://stop-f-35.ch/2025/07/02/augen-zu-und-durch-sik-n-lehnt-alle-antraege-zum-f-35a-ab/

https://www.blick.ch/politik/nach-kampfjet-debakel-ex-chefkontrolleur-rechnet-ab-vielleicht-waren-die-f-35-verhandler-wie-kinder-im-spielzeugladen-id20997354.html

https://www.watson.ch/schweiz/armee/188901352-f35-debatte-zeigt-gegengeschaefte-und-schmiergeldaffaere-auf

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